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Ein geruhsames Weihnachtsfest 2018

Categories : Einfache rezepte
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Da bei mir die letzten Wochen wirklich sehr anstrengend und aufreibend waren, werde ich die Weihnachtsfeiertage dazu nutzen, um mich wieder zu entspannen und neue Kraft zu sammeln. Das heißt, ich werde es auf jeden Fall sehr geruhsam angehen lassen. Es wird keine verrückten Kochexperimente geben und ich werde auch nicht von einem Termin zum nächsten rennen.

Euch wünsche ich eine schöne Weihnachtszeit. Genießt die nächsten Tage im Kreise euerer Lieben und versucht, den Stress ein wenig zu minimieren. Zur Einstimmung habe ich für euch hier eine niedliche Geschichte gefunden.

Rudi, das Rentier

Geschichte von
Klaus-Peter Behrens



Wir
haben ein Problem!“

Keuchend, mit auf den Knien abgestützten Händen stand Zwolgo der
Zwerg im Türrahmen des Weihnachtsmannbüros und rollte
theatralisch mit den Augen, als stünde mindestens der Untergang
der Welt bevor.

„Na,na, so schlimm wird es schon nicht sein“, brummte der
Weihnachtsmann gutmütig und zwinkerte dem schnaufenden Zwolgo
über den Rand seiner Lesebrille hinweg zu. Zwolgo diente dem
Weihnachtsmann als Assistent bei der Bearbeitung der
Wunschzettel, war für die Versorgung der Rentiere verantwortlich
und machte den Weihnachtsmann stets auf die Haken und Ösen
seiner Pläne aufmerksam. Vermutlich lag es dem Zwerg in den
Genen. Wenn man auf eine lange Ahnenreihe im Bergbau
zurückblicken konnte, die sich tief unter dem Fels mit
einstürzenden Stollen, grantigen Kobolden oder eindringendem
Wasser hatten herumschlagen müssen, sah man vermutlich überall
Probleme.

„Aber diesmal ist es ernst Chef“, ertönte eine zweite, piepsige
Stimme. Die Augen des Weihnachtsmanns wanderten ein Stück nach
links, als er den Elf Ruphus entdeckte, der vorsichtig um die
Ecke spähte und zur Bekräftigung seiner Worte so heftig mit dem
Kopf nickte, daß der Weihnachtsmann befürchtete, er könne ihm
abfallen.
„Also gut, heraus mit der Sprache. Was ist passiert?“
„Rudi ist weg“, flüsterte Zwolgo betreten.
„Rudi?“
Überrascht und leicht verärgert legte der Weihnachtsmann beide
Hände auf seinen knallroten Schreibtisch und beugte sich mit
finster zusammengezogenen Augenbrauen vor. „Und wie konnte das
passieren?“
„Jemand hat vergessen, die Stalltür zu verschließen“, hauchte
Zwolgo bedrückt.
„Jemand?“

Der Weihnachtsmann ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen,
während er in Gedanken überlegte, wieviel Tage Rentierstriegeln
er hierfür verhängen sollte. Doch noch während er bei zwei
Wochen Striegeln angelangt war, glättete sich sein Gesicht schon
wieder. Schließlich war Rudi schon des öfteren abgehauen und
jedesmal wieder eingefangen worden. Ihm fehlte eben noch die
Disziplin der älteren Rentiere. Der Weihnachtsmann erinnerte
sich noch gut daran, wie er Rudi im vergangenen Jahr auf dem
Rückflug verletzt in der eisigen Tundra entdeckt hatte. Ein
Jungtier, das nicht überlebt hätte. Also hatte der
Weihnachtsmann mit Ruphus Hilfe das Rentier kurzerhand auf den
Schlitten gehievt und zum Nordpol mitgenommen. Die Einwände
Zwolgos, daß bisher nur dort geborene Rentiere als Zugtiere zum
Einsatz gekommen waren, hatte er beiseite gewischt.
Leider hatten sich Zwolgos Bedenken in der Folgezeit bestätigt.
Rudi hatte zwar das Fliegen mit Hilfe der Zauberkräfte der Elfen
erlernt, auf alles Andere hingegen hatte er keine Lust. Er war
undiszipliniert, übermütig, abenteuerlustig und nicht gewillt,
einen Schlitten zu ziehen. Der Weihnachtsmann seufzte und ließ
sich in den Sessel zurückfallen.

„Dann sollte dieser „Jemand“ es schleunigst wieder einfangen“,
brummte er und wandte sich wieder den Papieren auf seinem
Schreibtisch zu.
„Ähmm, Chef…“, merkte Ruphus vorsichtig an.
„Hmmm.“
„Da wäre noch ein klitzekleines Problem.“
Der Weihnachtsmann sah auf und seufzte.
„Ich höre“, brummte er.
„Nun, Rudi ist schon gestern abend abgehauen….“
Die Augenbrauen des Weihnachtsmanns wanderten in böser Vorahnung
in die Höhe.
„.. und wurde das letzte Mal kurz vor Deepfreeze im Norden
Kanadas gesichtet. Ich habe die Position gerade noch einmal
Mithilfe unserer Kristallkugel im Besprechungsraum überprüft. Es
gibt leider keinen Zweifel. Deepfreeze verfügt seit heute über
ein fliegendes Rentier.“
Wenn es einen trostlosen Flecken auf der Erde gab, dann war es
Deepfreeze, tief inmitten der kanadischen Wälder und weit ab
jeglicher Zivilisation. Die Zeit schien still zu stehen in
diesem Ort, in dem gerade einmal hundertfünfzig Bewohner lebten.
Eine halbwegs geteerte, mit Schlaglöchern versehene Straße
teilte den Ort in zwei Hälften und stellte die einzige
Verbindung zur Außenwelt dar. Entlang der Straße gab es einen
Drugstore, der noch aus der Zeit des Goldrausches zu stammen
schien, eine einfache Kirche auf einer Anhöhe, die vom Pfarrer
dieser Gemeinde gerade mal alle vier Wochen aufgesucht wurde,
eine Schule und den kulturellen Höhepunkt der Region: Milly`s
Saloon. Um diese hervorragende Infrastruktur herum zogen sich
einfache Holzhäuser die Hügel hinauf, die größtenteils von
Holzfällerfamilien bewohnt wurden, da man hier vorwiegend vom
Holzfällen und im Sommer von den wenigen Touristen lebte, die
ein paar Meilen die Straße hinunter mit ihren Campingmobilen auf
dem Campingplatz Halt machten, um die wahre Natur zu erleben. Im
Winter hingegen war es hier so trostlos wie in den eisigen
Regionen am Nordpol.
Normalerweise. Dieses Jahr war jedoch alles anders….

Im Licht starker Scheinwerfer erstrahlte der Ort wie ein
Christbaum am Weihnachtsabend. Dutzende, riesiger Campingtrailer
aus Aluminium hatten sich im ganzen Dorf verteilt und wirkten
wie bizarre Raumschiffe aus einer anderen Galaxie, während
überall emsig beschäftigte Menschen herum wuselten und Hektik
verbreiteten.
Hollywood hatte Deepfreeze für sich entdeckt und die Bewohner
aus ihrem Winterschlaf gerissen. The Return of Santa wurde
gedreht, eine Komödie über einen in die Jahre gekommenen
Weihnachtsmann, der nicht gewillt war, den Job an einen Jüngeren
abzugeben und so von einer Katastrophe in die nächste
schlitterte. Wie die Heuschrecken waren die Mitglieder des
Filmteams über die ahnungslosen Bewohner hergefallen und hatte
ihr Leben gründlich durcheinander gebracht. Aber der anfängliche
Schrecken war bald Begeisterung gewichen, als die Bewohner eine
Möglichkeit witterten, als Komparsen Geld zu verdienen.
Allerdings haben rauhbeinige Holzfäller wenig gemein mit
Hollywoodschauspielern, so daß das Filmteam bei der Verwendung
der Bewohner als Komparsen bald an seine Grenze gelangte.
Insbesondere Mike Roling, der Regisseur war alles andere als
begeistert.
„Hey, Jonny, sieh zu, daß du die Maske heran holst und den hier
verarztet. Da wird ja die Kamaralinse blind“, fuhr Mike Roling
seinen ersten Kameramann John Deen an, der gerade einem der
Bewohner, der vermutlich noch nie einen Rasierpinsel oder einen
Friseur gesehen hatte, seine Rolle als Komparse erklärte. John
nickte, aber Mike hatte sich schon wieder abgewandt und etwas
Neues entdeckt, an dem er herum meckern konnte.

„Was ist das denn?“
Entsetzt betrachtete Mike einen weiteren Komparsen, der eine
riesige Axt auf der Schulter mit sich herumschleppte und so den
Eindruck erweckte, als wolle er in den Krieg ziehen.
„Drehen wir hier etwa Conan der Barbar? Ich werde noch
wahnsinnig.“ Verzweifelt raufte er sich die spärlichen Haare und
sah sich gleichzeitig um. „Wo ist Tom, unser Superorganisator?
Er soll das hier regeln. Außerdem kann ich immer noch keine
Rentiere entdecken.“
„Ich mache mich mal schlau, Boß“, erklang es sofort aus dem Pulk
von Mitarbeitern des Drehteams, die hektisch damit beschäftigt
waren, die nächste Einstellung vorzubereiten.
„Das ist kein Film über Weihnachten sondern über das Armagedon“,
stöhnte Mike. In seiner Aufregung entging ihm dabei, daß hoch
über ihren Köpfen ein Tier mit braunem Fell interessiert das
Geschehen aus großen Augen beobachtete. Ein Tier, das
normalerweise nicht durch die Luft zu fliegen pflegte und es nur
der hereinbrechenden Nacht und dem Schneegestöber zu verdanken
hatte, daß es noch keiner entdeckt hatte. Natürlich war es
niemand anders als Rudi das Rentier, das aufgeregt nach einer
unauffälligen Möglichkeit zur Landung Ausschau hielt, doch das
Treiben unter ihm war einfach zu lebhaft, um unentdeckt zu
bleiben. Rudis Blick fiel auf eine einsame, schneebedeckte
Fläche unterhalb einer einzelnen Hütte. Dort sollte es ihm
möglich sein, unbemerkt zu landen und dieses interessante Dorf
zu erkunden. Immerhin sah es dort unten auf eine entfernt
vertraute Art weihnachtlich aus. Voller Vorfreude steuerte Rudi
den Westhang an.

Deutlich gemächlicher ging es derweil ein gutes Stück den Hang
westlich der Hauptstraße hinauf in einem soliden Holzhaus zu,
das als Requisit in einem alten Trapperfilm hätte mitmachen
können. Schwere Fensterläden, ein tief herabgezogenes Dach und
ein gewaltiger, gemauerter Kamin an der Giebelwand, aus dem es
heftig qualmte, boten vor dem Hintergrund der tief verschneiten
Wälder ein Bild, wie es idyllischer nicht sein konnte. Der Frost
hatte Eisblumem auf die einfachen Hüttenfenster gemalt, und
glitzernde Eiszapfen schmückten die Dachunterseiten. Im Inneren
der Hütte spendete der Kamin warme Behaglichkeit. Funken
sprühten wie aufgeregte Glühwürmchen auf, als Gray Greenfield
den Schürhaken tief in die glimmende Holzkohle stieß und neues
Brennmaterial nachlegte. Zufrieden mit dem Ergebnis wandte er
sich seiner vierjährigen Tochter Tess zu, die auf der hölzernen
Bank am Wohnzimmerfenster kniete und in das Schneetreiben hinaus
spähte. Gray war der Grund nur allzu bewußt. In einer Woche war
Weihnachten, und Tess hoffte inständig, daß der Weihnachtsmann
ihren Wunsch erfüllen würde. Aber da gab es ein Problem….
„Vergiß nicht, den Weihnachtsmann oder seine Helfer daran zu
erinnern, daß ich mir einen Hund gewünscht habe“, bettelte Tess
angesichts der Tatsache, daß Ihr Vater im Begriff war, ins Dorf
zu gehen. Für heute stand ein Stunt an, und der Stuntman hatte
kurzfristig abgesagt. Da Gray sich regelmäßig mit Sport fit
hielt, hatte er angeboten, einzuspringen. Der Stunt war nicht
allzu gefährlich, und das Geld hierfür konnte er wirklich
gebrauchen.

„Aber ich habe dir doch erklärt, daß der Weihnachtsmann
grundsätzlich keine Tiere verschenkt“, versuchte sich Gray aus
der Situation heraus zu winden, während er sich in seinen
wattierten, alten Parka zwängte. Tess wirbelte daraufhin herum
und verschränkte die Arme vor der Brust, wobei sie einen
Schmollmund zog.
„Tut er doch“, beharrte sie auf ihrem Standpunkt, der nicht das
erste Mal in den letzten Tagen zur Diskussion stand. „Du wirst
schon sehen.“
Gray seufzte. Wie sollte er einer Vierjährigen bloß erklären,
daß ein Hund Futter, Tierarztbesuche und Hundesteuer kostet, und
daß das Geld dafür nicht reichte?
„Wir reden darüber, wenn ich zurück bin“, brummte er und öffnete
die Hüttentür, worauf der Wind einen Schwung Schneeflocken
hinein trieb.
„Nicht vergessen!“, erklang es hinter ihm, als er die Hüttentür
zuzog und mit schweren Schritten zu seinem Schneemobil hinüber
stapfte. Das Leben könnte so nett sein, wenn es den
Weihnachtsrummel nicht gebe, dachte Gray verärgert, während er
ungeduldig nach den Schlüsseln des Schneemobils in den Tiefen
seiner Taschen suchte. Fast konnte er Miriam, seine Frau
verstehen, die vor einem Jahr von einem Tag auf den anderen
verschwunden war und ihnen nur eine kurze Nachricht hinterlassen
hatte. Soweit Gray wußte, war sie wieder in Frankreich, ihrem
Heimatland. Während eines Urlaubs hatten Miriam und Gray sich
vor fünf Jahren kennengelernt. Miriam war so verzaubert von der
Natur Kanadas und Gray gewesen, daß sie einfach da geblieben war
und ihn geheiratet hatte. Doch die Ernüchterung war spätestens
nach dem ersten Winter eingetreten, und irgendwann war der
Zeitpunkt gekommen, wo sie die Einsamkeit nicht mehr ertragen
und sich nach ihrem alten Leben in Paris zurückgesehnt hatte.
Gefolgt war ein kurzer Sorgerechtsstreit, den Gray für sich
entscheiden konnte und die Erkenntnis, daß Stadtmenschen und
Landbewohner einfach nicht zusammenpaßten.
Wütend schob er den Zündschlüssel bei diesen Erinnerungen ins
Schloß und ließ den Motor aufbrüllen. Dann schoß er mit Vollgas
vom Hof den Hügel hinab. Natürlich hätte auch er ein wenig
langsamer fahren können, aber das Gefühl, mit hoher
Geschwindigkeit durch die Winterlandschaft zu jagen besänftigte
ein wenig die Emotionen, die in ihm hochkochten. Außerdem war
weit und breit kein Gefährt in Sicht, mit dem er hätte
kollidieren können, rechtfertigte er vor sich selbst seinen
halsbrecherischen Fahrstil.

Hunderte Meilen weiter nördlich wartete ein anderes Gefährt mit
Kufen auf seinen Einsatz.
„Hast du die Route auch einprogrammiert?“, knurrte der
Weihnachtsmann, als er schwerfällig auf den Kutschbock
kletterte, auf dem es sich bereits Ruphus der Elf bequem gemacht
hatte.
„Aye Sir!“
„Und du bist dir sicher, daß Rudi dort gelandet ist?“
„Aye Sir!“
„Und was macht der auf der Ladefläche?“, brummte der
Weihnachtsmann beim Anblick von Zwolgo ungehalten. „Zwerge haben
auf dem Rentierschlitten nichts zu suchen.“
„Aber..“
„Nichts aber, das ist gegen die Tradition!“
„Gegen die Tradition ist es aber auch, eine Woche vorher
loszufliegen, um Rentiere einzufangen, und nebenbei bemerkt,
Zwolgo ist der Einzige, auf den Rudi einigermaßen hört“, wandte
Ruphus ein. Die Tatsache, daß der Zwerg sich schon seit Jahren
danach sehnte, auf dem Rentierschlitten mitzufliegen, überging
er dabei ebenso geflissentlich wie die Tatsache, daß Rudi nur
dann auf den Zwerg hörte, wenn dieser das Futter brachte. Und
auch das nur in Ausnahmefällen. Aber der Zwerg war so versessen
darauf mitzufliegen, daß Ruphus es ihm nicht hatte abschlagen
können und versprochen hatte, ein gutes Wort für ihn einzulegen.
Was das für Konsequenzen haben mochte, verdrängte er lieber.
„So, so“, brummte der Weihnachtsmann indes ein wenig besänftigt.
„Na schön, dann sei es so. Wie lange werden wir bis Deepfreeze
brauchen?“
„Kommt drauf an. Wünscht Ihr eine Sightseeing-Tour? Die
Nordlichter sind um diese Jahreszeit…“
„Ruphus!“
„Einen halben Tag bei normaler Fluggeschwindigkeit, ein paar
Minuten, wenn ich den Turbo reinlege.“
Der Weihnachtsmann hob nur die Augenbrauen, worauf Ruphus
nickte.
„Aye, aye Sir. Den Turbo! Mister Sulu, Warp 3 bitte.“
Als habe eine höhere Macht einen Schalter umgelegt, verschwand
der Rentierschlitten nebst Passagieren daraufhin von einer
Sekunde auf die andere und jagte nun in atemberaubenden Tempo
einem abgelegenen Ort namens Deepfreeze entgegen, deren Bewohner
zum Glück noch nicht ahnten, was ihnen mit diesem Besuch
bevorstand.

Schnee spritzte kaskadengleich auf, als Gray das Schneemobil zu
Höchstleistungen antrieb. Die Bäume rechts und links des Weges
waren nur noch verwischte Schemen im Randbereich des starken
Scheinwerfers, die geistergleich vorbeihuschten, während Gray
seinem Ziel entgegen raste.
Ein gutes Stück den Hang hinauf lauschte Tess dem langsam
verklingenden Motorengeräusch des Schneemobils und schmollte.

Was hatte ihr Vater nur gegen einen Hund?
Tess konnte es nicht verstehen. Selbst ihre Lehrerin im
Kindergarten Miß Jones hatte Verständnis für ihren Wunsch. Miß
Jones, die toll aussah, gut roch und erstaunlich häufig in
letzter Zeit bei ihnen herein geschneit war, hatte sich
ausdrücklich für Tess bei ihrem Vater eingesetzt. Der benahm
sich zu Tess Verwunderung zwar immer höchst seltsam, wenn Miß
Jones in seine Nähe kam, allerdings hatte dies im Hinblick auf
Tess‘ Weihnachtswunsch auch nichts genützt. Ihr Vater wollte
einfach keinen Hund. Ein Grinsen schlich sich auf Tess‘ Gesicht,
als sie an die kommende Woche dachte. Schließlich hatte sie Miß
Jones gebeten, beim Weihnachtsmann ein gutes Wort einzulegen,
und wenn der lieferte, würde ihrem Vater nichts anderes übrig
bleiben, als das Geschenk zu akzeptieren. Bestimmt würde der
Weihnachtsmann den Hund direkt vor ihrer Haustür absetzen. In
Gedanken sah Tess schon den Schlitten mit den fliegenden
Rentieren herbeischweben und…. Irritiert schüttelte sie den
Kopf und spähte intensiv in den wirbelnden Schnee jenseits der
Scheibe. War dort nicht eben etwas Großes, Pelziges vorbei geflogen?
Aufmerksam musterte sie den vom Schneegestöber verdeckten
Himmel.

Tatsächlich! Tess traute ihren Augen nicht. Etwas, das an ein großes Reh
erinnerte, sauste direkt aus den Wolken kommend von links über
den Hof vor der Hütte, berührte den Boden, geriet ins Rutschen
und beendete die Landung kopfüber in dem großen Schneehaufen auf
der rechten Seite des Hofes. Mit einem Satz war Tess von der
Bank hinunter, riß ihren Parka von dem Haken neben der Haustür
und stürmte hinaus ins Schneegestöber.
Inzwischen hatte sich Rudi das Rentier aus dem Schneehaufen
heraus gekämpft und stellte entsetzt fest, daß es sich den
rechten Vorderhuf verstaucht hatte.
„Beim Bart des Weihnachtsmanns, das hat mir noch gefehlt“,
jammerte Rudi und sorgte so dafür, daß Tess derart abrupt stehen
blieb, als sei sie gegen einen Bus gerannt.
„Du… kannst fliegen und sprechen!“, hauchte sie ehrfürchtig.
Aus ihrer Sicht konnte das nur eins bedeuten. Der Weihnachtsmann
war im Anmarsch, und dies war sein Vorbote. Jedenfalls hatte sie
noch nie in einem anderem Zusammenhang von fliegenden und
sprechenden Rentieren gehört.
„Wo ist mein Hund?“, fragte Tess neugierig, wobei sie den Himmel
nach dem Schlitten des Weihnachtsmanns absuchte. So entging ihr,
daß Rudi sie mit schief gelegtem Blick ungläubig betrachtete.
„Du suchst deinen Hund da oben?“, staunte das Rentier. Bisher
hatte Rudi die Fähigkeit zu fliegen ein Gefühl von grenzenloser
Sicherheit vermittelt. Wenn hierzulande allerdings auch Hunde
mit großen Zähnen und einem gesunden Appetit fliegen konnten,
sah die Sache plötzlich anders aus.
„Natürlich nicht! Ich suche den Weihnachtsmann, der bringt mir
meinen Hund.“
„Der Chef kommt hierher?“, fragte Rudi entsetzt und humpelte
eilig in den Schatten einer ausladenden Tanne.
„Du bist ja verletzt“, stellte Tess besorgt fest. „Und wen
meinst du mit Chef?“
„Du weißt schon, den Dicken im roten Anzug und der Wolle im
Gesicht. Wenn der mich findet, dann gute Nacht.“
Tess konnte es nicht glauben. Konnte es sein, daß sich ein
Rentier vor dem Weihnachtsmann fürchtete? Dann dämmerte ihr
allmählich der Grund.
„Du bist abgehauen“, warf sie Rudi empört vor.

„Schlittenziehen liegt mir nicht“, rechtfertigte Rudi sich.
„Fliegen auch nicht“, stellte Tess in Erinnerung an Rudis
Landung trocken fest. Dabei musterte sie Rudi nachdenklich.
Eigentlich hatte sie sich ja einen Hund gewünscht, aber ein
sprechendes und fliegendes Rentier war auch nicht zu verachten.
Nun musste sie nur noch sicherstellen, daß es nicht wieder
abhauen konnte.
„Komm mit, ich verbinde dein Bein“, bot sie Rudi an, der ihr
notgedrungen humpelnd folgte. Mit dem verletzten Bein war an
Fliegen einstweilen nicht zu denken.
Tess führte Rudi zur Rückseite der Hütte, an die sich ein
windschiefer Schuppen schmiegte. Entschlossen schob Tess den
Riegel der Schuppentür zur Seite und schob Rudi kurzerhand durch
die niedrige Türöffnung, wobei sie die Proteste des Rentiers
ignorierte.
„Du wartest hier, ich suche Papas Erstehilfekasten“, wies sie
Rudi energisch und an und schlug ihm die Tür vor der Nase zu.
Das Rentier war alles andere als glücklich über diese
Entwicklung. Nun war es mit List und Tücke aus seinem Stall
ausgebüxt, nur um wieder in einer ähnlichen Unterkunft
eingesperrt zu werden. Irgendwie hatte Rudi sich das anders
vorgestellt. Oder, wie Rudi sich ehrlich selbst eingestehen
musste, hatte er nur eine vage Vorstellung davon gehabt, was er
wirklich wollte. Nur eines stand für Rudi fest. Er wollte nicht
zurück zu den anderen Rentieren, die in ihm nur einen
Eindringling von Außen sahen, der nicht dazu gehörte. Das
Rentier hatte sich einsam gefühlt und seinem Unmut durch
allerlei Kapriolen Luft gemacht. Geändert hatte es nichts.
Daher hatte Rudi den Entschluß gefaßt, in sein altes Leben
zurückzukehren und hatte die Gelegenheit beim Schopf gepackt,
als der miesepetrige Zwerg vergessen hatte, die Stalltür zu
verschließen. 

Allerdings hatte er sich nicht
vorgestellt, im Schuppen eines kleinen Menschenmädchens zu
landen, obwohl sie zugegebenermaßen sympathisch war. Rudi
humpelte in dem engen Verschlag unruhig hin und her während er
seine Möglichkeiten bedachte. Die Auswahl war deprimierend. Da er im Augenblick wegen seines verletzten Beins keinen Anlauf
zum Abheben nehmen konnte, war die Kleine seine einzige Option.
Er schluckte bei dem Gedanken, daß der Weihnachtsmann ihm
bestimmt schon auf der Fährte war und er in diesem Verschlag
fest saß. Bestimmt hatte der Weihnachtsmann diesen Elfen und den
Zwerg dabei, die sich einen Heidenspaß daraus machen würden, ihn
wieder einzufangen. Rudi musste sich dringend etwas einfallen
lassen.

„Yaaahooooouuuuu“, brüllte in diesem Moment Ruphus begeistert
als er den Schlitten mit einer derartigen Geschwindigkeit über
die Baumwipfel jagte, daß der gesamte Schnee inklusive eines
Eichhörnchens, das friedlich im oberen Geäst einer Tanne
geschlummert hatte, von den Ästen gefegt wurde. Der
Weihnachtsmann, dem der Flugstild des Elfen regelmäßig aufs
Gemüt schlug, war hingegen alles andere als begeistert, von
Zwolgo ganz zu schweigen. Verzweifelt klammerte sich der Zwerg
an die Reling des Schlittens und fragte sich unentwegt, wie er
bloß auf die Idee gekommen war, zu fliegen sei ein tolles
Erlebnis.
„Hör auf mit dem Unfug, wir sind gleich da!“, brummte der
Weihnachtsmann verärgert.
„Aber Chef, Ihr wolltet doch den Turbo….“
„Ruphus!“
„Schon gut.“ Mit einem lässigen Ruck an den Zügeln drosselte er
die Geschwindigkeit des Schlittens. „Sieben Minuten“, stellte er
mit einem zufriedenen Blick auf die Armbanduhr fest. „Und das
Leuchtfeuer eine Flugminute voraus ist übrigens Deepfreeze“,
informierte er den Weihnachtsmann, der verblüfft das nahezu
überirdisch wirkende Spektakel vor ihnen musterte. So etwas
hatte er nicht erwartet.

„Ich hab’s immer gewußt. Irgendwann landen sie“, erklang es
argwöhnisch von der Ladefläche, als Zwolgo das Leuchtfeuer
erspähte. Von Minute zu Minute bereute der Zwerg es mehr, daß er
unbedingt mitgewollt hatte.
Ruphus hingegen war in seinem Element. „Legen Sie nun bitte Ihre
Sicherheitsgurte an und stellen Sie das Rauchen ein. Wir landen
in einer Minute westlich von Deepfreeze unterhalb der Hügel auf
einem einsamen Schneefeld“, tönte er vergnügt und ließ den
Schlitten tiefer gehen. Schnell kam eine tief verschneite
Schneise entlang hoch aufragender Schwarzkiefern in Sicht, die
Ruphus als Landepiste auserkoren hatte. Routiniert ging er in
den Landeanflug über und jauchzte vor Vergnügen, als der
Schlitten mit atemberaubender Geschwindigkeit über die
Schneepiste fegte. Dabei übersah er vollkommen, daß im selben
Moment ein Schneemobil im hohen Tempo aus dem Wald geschossen
kam und direkt auf den Schlitten zuhielt.

„Vorsicht!“, brüllte Zwolgo, als der Schlitten plötzlich in
blendend helles Licht getaucht wurde und ein Röhren erklang, als
würde ein halbes Dutzend hungriger Eisbären auf den Schlitten
zustürmen, um ihn zu zermahlen. Fliegen gefiel dem Zwerg von
Minute zu Minute weniger. Auch der Weihnachtsmann wurde blaß.
Aber bevor er etwas sagen konnte, riß der Fahrer des
Schneemobils den Lenker abrupt herum, worauf das Schneemobil nur
noch auf den Seitenkufen wie ein Blitz im Zentimeterabstand an
der Rückseite des noch immer dahin rasenden Schlittens vorbeizog
und Zwolgo um hundert Jahre altern ließ. Mit Entsetzen sah
Zwolgo, wie der Fahrer die Kontrolle über das Schneemobil verlor
und mit lautem Krachen gegen einen Baumstumpf prallte. Indes
hatte Ruphus den Schlitten zum Halten gebracht.
„Ich kann nichts dafür, ich hatte Vorfahrt“, rechtfertigte er
sich, während er bereits vom Schlitten sprang und zum Unfallort
rannte, dicht gefolgt von Zwolgo auf seinen kurzen Beinen.
„Wo ist er hin?“, fragte Ruphus, als er außer Atem bei dem
zerstörten Schneemobil angelangte. Nur der Scheinwerfer war
unbeschädigt geblieben und erhellte den Ort des Geschehens.

„Als ich ihn zuletzt sah, flog er in diese Richtung“, brummte
Zwolgo, wobei er mit der Hand auf den Waldrand wies. Tatsächlich
konnte Ruphus dort die Umrisse eines menschlichen Körpers in
einer Schneewehe entdecken, die ein gutes Stück entfernt vom
Unfallort lag. Mit Erleichterung stellte er fest, daß sich der
Fahrer gerade stöhnend auf den Rücken wälzte. Flugs eilte der
Zwolgo hinüber während Ruphus mit schlechtem Gewissen folgte.
Indes schlug Gray die Augen auf und erblickte verblüfft das
bärtige, knollnasige Gesicht Zwolgos, der besorgt auf ihn herab
sah.
„Nun ist es bewiesen“, stöhnte Gray beim Anblick des Zwerges.
„Der Yeti lebt.“
„Und er war ziemlich sauer, als der Boß im letzten Jahr aus
Versehen die falschen Geschenke anschleppte“, bestätigte Ruphus
mit glockenheller Stimme, während er sich an Zwolgos Seite
gesellte. Verwirrt wischte sich Gray bei dem Anblick des
spitzohrigen Elfen mit der Hand über die Augen, als wolle er
einen bösen Spuk vertreiben. Hatte er etwa alle Waldgeister in
dieser Region mit seiner wilden Fahrt aufgescheucht?
Doch als er die Augen wieder öffnete, hatte sich die Zahl der
auf ihn herab Starrenden schon wieder erhöht.
„Ich wünsche mir einen Sportwagen und eine Million auf dem
Konto. Haben Sie das notiert?“, fragte Gray mit müdem Spott den
Weihnachtsmann, der das Trio komplettierte.
„Sind das wirklich deine Wünsche Gray? Was ist mit Liebe,
Gesundheit und menschlicher Nähe?“, fragte der Weihnachtsmann
mit warmer Stimme. Gray, der registriert hatte, daß der
Weihnachtsmann ihn mit dem Namen angeredet hatte, winkte ab.

„Schauspieler“, schnaufte Gray, der annahm, daß die Drei nur
gekommen waren, um ihn abzuholen und auf die Rolle einzustimmen.
„Ich hoffe, ihr seid gut versichert“, brummte er und setzte sich
mühsam auf, wobei er angesichts des schmerzhaften Pochens in
seinem rechten Bein die Zähne zusammenbiß.
„Versichert? Wieso?“, frage Ruphus unschuldig nach.
„Na wegen des Schrotthaufens dort, du Komiker“, knurrte Gray und
wies mit dem Kopf zu seinem Schneemobil hinüber, das blinkend
und blitzend, als sei es gerade fabrikneu geliefert worden, im
Schnee stand.
„Aber…“ Gray fehlten die Worte. Er war überzeugt gewesen, daß
sein Schneemobil nur noch aus verbogenen Einzelteilen bestand.

„Das ist ein Wunder!“, ächzte er.
„Schön, daß du es so siehst“, flötete Ruphus vergnügt, der
geflissentlich den tadelnden Blick des Weihnachtsmannes übersah.

„Nur mit dem Stunt wird es nun leider nichts, und dabei hätte
ich das Geld so gut gebrauchen können“, bedauerte Gray die
Situation.
„Stunt?“

Wenn überhaupt möglich, waren Ruphus Ohren bei diesem Wort noch
spitzer geworden. Voller Tatendrang sah er zum Weihnachtsmann
hoch, der die Hände vor dem sich bedenklich spannenden Wams
verschränkt hatte und warmherzig lächelte.
„Nun, wie kann ich helfen?“, fragte er mit gütiger Stimme und
bereute schon im nächsten Augenblick seine Worte angesichts des
Blicks, mit dem Gray ihn daraufhin musterte. Irgend etwas sagte
dem Weihnachtsmann, daß er gerade die Büchse der Pandorra
geöffnet hatte.
„Nett, daß Sie fragen. Da gibt es in der Tat etwas. Sie könnten
den Stunt für mich durchführen. Immerhin sind Sie schuld an
meiner Situation.“
„Das macht er gerne“, verkündete Ruphus trocken, worauf der
Weihnachtsmann empört nach Luft schnappte.
„Das ist wirklich nett. Es ist auch ein ganz einfacher Stunt.“
„Der hat schon ganz andere Stunts durchgezogen.“
„Tatsächlich?“
„Klar! Einmal ist er sogar in einem Eisbärgehege gelandet. Aus
zehn Meter Höhe.“

„Wow! Sie sind ja ein echter Profi.“
Bewundernd sah Gray den Weihnachtsmann an, dem gerade warm unter
dem Mantel wurde. Irgendwie hatte er das Gefühl, daß die Büchse
nicht nur geöffnet worden war, sondern daß sich außerdem jemand
alle Mühe gab, sie ausgiebig zu schütteln, um das Letzte aus ihr
heraus zu holen, und dieser jemand besaß auffällig spitze
Ohren….
„Da gibt es nur ein Problem…“, wandte der Weihnachtsmann
vorsichtig ein, wurde aber prompt von Gray unterbrochen.
„Ach was! Sie geben sich einfach für mich aus. Das ist kein
Problem. Mich kennen die hier ohnehin nur flüchtig, und unter
der Maske sehen wir sowieso alle gleich albern aus. Das fällt
garantiert nicht auf.“
„Um ehrlich zu sein…“
„…hatten Sie die gleiche Idee gehabt. Sie sind ein echter
Freund. Vielen Dank. Nun ist Weihnachten gerettet. Ohne das Geld
hätte ich noch nicht einmal ein Weihnachtsgeschenk kaufen
können. Das Geld teilen wir uns dann selbstverständlich.“
Der Weihnachtsmann stöhnte. Aus dieser Falle kam er einfach
nicht mehr heraus. Und das alles wegen Rudi. Indes hatte sich
Gray aufgerichtet und klopfte sich den Schnee von der Schulter,
wobei er sich auf der breiten Schulter des Zwergs abstützte, der
das mit stoischer Gelassenheit geschehen ließ. Vorsichtig
tastete Gray sein rechtes Bein ab. Es schmerzte höllisch, schien
aber zum Glück nicht gebrochen zu sein. Schneemobil fahren
konnte er so allerdings nicht.
„Ihr solltet euch beeilen. Der Big Boß mag keine Verspätungen!
Allerdings müßte einer von euch mich mit dem Schneemobil zurück
bringen.“
„Das macht Zwolgo“, verkündete Ruphus vergnügt, worauf dem Zwerg
die Kinnlade hinunter fiel. Er hatte noch gut in Erinnerung,
welche Geschwindigkeit dieses seltsame Gefährt erreichen konnte
und verspürte keine Neigung, darauf sein Leben aufs Spiel zu
setzen. Hilflos wandte er sich an den Weihnachtsmann, der jedoch
nur abwinkte und äußerst unglücklich wirkte. Seufzend fügte sich
Zwolgo in sein Schicksal und erhielt prompt einen aufmunternden
Klaps von Gray auf die Schulter.

„Na dann wollen wir mal hoffen, daß du mit deinen kurzen Beinen
auch das Bremspedal erreichen kannst.“
In einem eleganten Bogen wendete Ruphus den Schlitten und winkte
im Vorbeifahren fröhlich Zwolgo zu, der gerade den Gasgriff des
Schneemobils ausprobierte. Blaue Qualmwolken stoben aus dem
verchromten Auspuffrohr, als das Schneemobil im nächsten Moment
wie ein Formel 1 Wagen den Hang hinauf schoß und kurz darauf im
dichten Wald verschwand.
„Und da meckert Ihr immer über meinen Fahrstil“, merkte Ruphus
mit einem Blick auf den ungewöhnlich blaß gewordenen
Weihnachtsmann an. Doch der winkte nur geistesabwesend ab.
Offenbar machte ihm die Aussicht, demnächst im Film zu
brillieren zu schaffen. Ruphus hingegen konnte es kaum abwarten
und hatte sichtliche Mühe, vor lauter Übermut den Schlitten
nicht in den Himmel zu katapultieren. Aber auch am Boden kamen
sie gut voran und erreichten schneller als dem Weihnachtsmann
lieb war den Ortsrand. Dort herrschte mehr Trubel als im
jährlichen Winterschlußverkauf. Zu Ruphus Verblüffung nahmen die
umher eilenden Menschen kaum Notiz von ihnen. Offenbar war ein
Rentierschlitten nebst Weihnachtsmann und Elf etwas Alltägliches
in diesem Ort. Ruphus wollte gerade den sprachlosen
Weihnachtsmann nach seiner Meinung fragen, als ein rothaariger,
übergewichtiger Mann hektisch winkend auf sie zugehastet kam.
Mit einem Schnalzen stoppte Ruphus den Schlitten.

„Wurde auch Zeit“, rief der Rothaarige ein wenig außer Atem als
der den Schlitten erreichte. Dabei blätterte er geschäftig in
einem beeindruckenden Stapel zusammen gehefteten Papiers. „Gray
Greenfield, nehme ich an und schon in Maske. Schön, wenn man es
mit einem Profi zu tun hat“, sagte er anerkennend mit Blick auf
den Weihnachtsmann. „Ich bin Tom, der Organisator dieses
Armagedons. Und du musst Jim vom Requisitenverleih sein“, wandte
er sich an Ruphus. „Wir warten schon seit Gestern auf das
Prachtstück hier.“ Mit der rechten Hand tätschelte er dabei die
Flanke eines Rentiers. „Aber das Warten hat sich gelohnt. Mike
wird begeistert sein. Also los, das Set wartet auf euch.“ Ohne
eine Erwiderung abzuwarten drehte Tom sich um und stapfte davon.

„Die kommen zumindest schnell zur Sache“, brummte der
Weihnachtsmann, dem immer unwohler in seiner Haut wurde.
Geschickt lenkte Ruphus den Schlitten durch die umher wuselnde
Menge bis sie einen Platz erreichten, auf dem sich im
kreisförmig silbern glänzende, utopisch anmutende Wohnwagen und
Trailer gruppiert hatten. Das Ganze wirkte wie eine Wagenburg
von Außerirdischen, die sich in den Wilden Westen verirrt hatten
und sich nun gegen Indianer behaupten mussten. Im Hintergrund
waren Kulissenschieber und eine ganze Heerschar Helfer gerade
damit beschäftigt, ein hübsch erleuchtetes Wohnhaus für den
nächsten Dreh vorzubereiten. Dem Weihnachtsmann schwante
Schlimmes, als er sah, wie in halbes Dutzend Helfer etwas, das
an eine übergroße Matratze erinnerte, zur Frontseite des Hauses
schleppten.
„Sieht bequem aus“, stellte Ruphus trocken fest. Mit einem
Schnalzen brachte er den Schlitten auf der Mitte des Platzes zum
Stehen, wo Tom schon eifrig auf einen äußerst nervös wirkenden
Mann mit einer modischen Brille und einem dicken Parka
einredete. Dabei bedeutete Tom dem Weihnachtsmann und Ruphus
ungeduldig, sich zu ihnen zu gesellen.

„Showtime“, flötete Ruphus vergnügt und kletterte vom Schlitten.
In einer gewaltigen Schneefontäne schlitterte das Schneemobil
über den Hof, bevor es in einer Schneewehe zum Stillstand kam.
Es hätte nicht viel gefehlt und Gray wäre zum zweiten Mal
kopfüber im Schnee gelandet.
„Ihr Typen vom Film seid alle durchgeknallt“, schimpfte Gray
angesichts des rüden Fahrstil des Zwerges. Angeschlagen stieg er
von dem Schneemobil. „Worauf wartest du?“, fuhr er Zwolgo an,
der wirkte, als sei er auf der Fahrt mit dem Schneemobil
verwachsen. Doch bevor der vor Schreck erstarrte Zwerg antworten
konnte, erscholl eine Mädchenstimme hinter ihnen.
„Was machst du denn hier?“ Zwolgo hörte deutlich an den leisen
Untertönen, daß das Mädchen hierüber nicht gerade begeistert
war. Er überlegte gerade, woran das wohl liegen könnte, als sein
Blick auf ein paar Spuren im Schnee erfaßt.
Rentierspuren. Während Gray seine Tochter begrüßte und Zwolgo als Mitbringsel
vom Film vorstellte, trennte sich der Zwerg von seiner neuen
Errungenschaft und besah sich die Spuren. Sie könnten
tatsächlich von Rudi stammen, stellte er nachdenklich fest.
Leider hatte Zwolgo mit dem Schneemobil ganze Arbeit geleistet,
so daß außer ein paar Abdrücken im Schnee nichts übrig geblieben
war. Der Rest des Hofes sah eher so aus, als hätte eine Kompanie
Soldaten dort den Ernstfall geprobt.

„Komm, ich mach euch einen Tee“, erklang Tess´ Stimme neben
seinem Ohr. Erstaunlich kräftige, kleine Finger bohrten sich in
Zwolgos Oberarm, und ehe sich der Zwerg versah, wurde er in
Richtung Hütte gezerrt. Im Türrahmen betrachtete Gray
kopfschüttelnd Tess Bemühungen.
„Er kann allein gehen, Tess“, brummte Gray, der fast ein wenig
Mitleid mit dem Zwerg empfand. Wenn seine Tochter sich etwas
vorgenommen hatte, konnte sie hartnäckig sein. Widerwillig ließ
Tess darauf hin von Zwolgo ab, der gar nichts dagegen hatte, die
Hütte zu betreten. Das Verhalten des Mädchens war seltsam, und
das machte Zwolgo neugierig.
„Wie geht es denn den Rentieren hier so?“, fragte er unschuldig
und registrierte befriedigt, daß Tess zusammenzuckte.
„Hier gibt es keine. Rentiere hat doch nur der Weihnachtsmann.“
„Kann ich bestätigen“, brummte Gray. „So einem nachgemachten
Clown bin ich gerade begegnet. Hätte nicht viel gefehlt und er
hätte deinen Vater mit seinem Rentierschlitten über den Haufen
gefahren.“
„Der Weihnachtsmann ist hier?“, staunte Tess.
„Nein, nur jemand, der so tut, als ob er es wäre. Du weißt
schon, ein Schauspieler, wie die anderen unten im Dorf.“
„Hmmm.“
Tess knabberte nachdenklich an ihren Nägeln, während sie Wasser
in eine blecherne Teekanne füllte und sie auf den Kaminsims
stellte, der als Heizplatte diente. Es war nicht zu übersehen,
daß sie etwas intensiv beschäftigte. Indes humpelte Gray zu
einem in die Jahre gekommenen Ohrensessel. Er seufzte laut,
nachdem er Platz genommen hatte. „Vielleicht sollte ich Miß
Jones anrufen und sie bitten, mit ihrem Erstehilfe-Koffer
vorbeizukommen kann. Das Bein ist vielleicht doch gebrochen.“
„Miß Jones?“, fragte Tess alarmiert.
„Hmmmm.“
„Hier zu uns?“
„Hmmm.“
Tess wirkte höchst unglücklich.

„Dann hole ich noch ein wenig Holz für den Kamin.“
„Aber wir haben doch noch genug“, protestierte Gray. Ohne
Erfolg. Flink wie ein Wirbelwind hatte Tess sich ihre Jacke vom
Haken geschnappt und war in die kalte Winternacht geeilt. Gray
schüttelte den Kopf und sah Zwolgo an, der seltsam zufrieden
wirkte.
„Ich helfe ihr beim Tragen“, brummte der Zwerg und verließ
ebenfalls die Hütte.
„Laßt mich ruhig allein“, beschwerte Gray sich, nahm das Telefon
vom Beistelltisch und tippte zögernd die Nummer ein, die er im
Schlaf kannte. Im Prinzip war er ganz dankbar für ein paar
Minuten Alleinsein beim Telefonieren. Um Tess seltsames
Verhalten konnte er sich hinterher kümmern.
Die Hüttentür knarrte als sei sie seit dem Goldrausch nicht mehr
geölt worden, als Tess sich an ihr zu schaffen machte.
„Du musst fort“, sprudelte es aus ihr heraus, kaum daß sie Rudi
zu Gesicht bekam.
„Warum?“, staunte das Rentier.
„Weil du sonst Probleme bekommst“, ertönte eine bekannte Stimme
hinter Tess, die an rollende Felsbrocken erinnerte und Rudi ins
Schwitzen brachte.
„Hallo Zwolgo, nett, daß du mal vorbeischaust.“
 
„Ich hoffe, du hast es jetzt verstanden“, brummte Mike
angesichts des fassungslosen Gesichtsausdrucks des
Weihnachtsmanns, der nach den Ausführungen Mikes zum Stuntablauf
alles andere als glücklich wirkte. Doch Ruphus winkte lässig ab.
„Also, erst wird eine Aufnahme vor einer blauen Wand mit dem
Rentierschlitten und dem Hauptdarsteller gemacht. Es folgt ein
Cut und unser Stuntman hier turnt dann auf dem Dachfirst herum,
wo er spektakulär ausrutscht, sich mit einem Überschlag
verabschiedete und kopfüber aus dem Bild verschwindet. Ich
denke, das hat er verstanden. Wird ihm Spaß machen“, brummte
Ruphus vergnügt.
„Die Nummer ist nicht ohne. Verreißt sie nicht.“
„Keine Sorge, er ist ein Profi.“
„Ich denke er ist ein Holzfäller, der sich was dazu verdienen
will.“
„Was glaubst du, wie oft man bei dem Job vom Baum fällt“, hielt
Ruphus dagegen.
„Gutes Argument. Also dann, legt los. Tom, nimm sie mit zum
Set.“
Mit einem Gesichtsausdruck, als hätte man ihm mitgeteilt, daß
der Nordpol in den nächsten zwei Stunden abtauen würde, folgte
der Weihnachtsmann dem rothaarigen Tom zum Set.
„Ich hoffe, du bist gut versichert“, brummte Tom der emsig in
einem dicken Skript blätterte, während er wie ein waidwunder Bär
vor ihnen her stapfte. Sie umrundeten gemeinsam das hübsch
erleuchtete, hölzerne Haus und stießen auf seiner Rückseite auf
eine Hebebühne, ein Kabelgewirr und ein halbes Dutzend
Techniker, die den Weihnachtsmann sogleich auf die Bühne
schoben.
„Wird schon werden, Chef“, rief Ruphus dem Weihnachtsmann
hinterher, als sich die Bühne hob. Oben angekommen erhielt der
Weihnachtsmann die letzten Instruktionen.
„OK, der Dreh ist ganz einfach“, erklärte ein rotgesichtiger
Mann mit einer Frisur wie ein Mopp dem unschlüssig wirkenden
Weihnachtsmann seine Aufgabe. „Du gehst zum Ende des Dachfirstes
und wartest auf das „Go“. Dann balancierst du möglichst
haarsträubend zum Kamin, kletterst ihn halb hinauf, verlierst
den Halt, rutscht kopfüber über die präparierte Eisrinne vom
Dach und landest mit dem Kopf voraus in der großen Schneewehe.
Darunter befindet sich eine Sicherheitsmatte, die den Sturz
abbremst. Kann also gar nichts schiefgehen. Alles klar?“
Der Weihnachtsmann nickte unglücklich und trat von der Plattform
auf den Dachfirst hinaus. Mit bemerkenswerter Sicherheit ging er
zum Giebel hinüber, wo er warten sollte.

„Super Profiarbeit“, lobte der Rotgesichtige, hob den Daumen und
verschwand mit der Plattform nach unten.
„Fertig machen zum Dreh!“, ertönte Mikes Stimme von unten.
„Würdeloser Abgang die Erste“, verkündete daraufhin ein
Kamaraassistent und schlug zwei Holzlatten aufeinander.
„Und Action!“, forderte John den Weihnachtsmann auf. Der
balancierte daraufhin vor sich hin murrend und Pirouetten
drehend über den Dachfirst zum Kamin hinüber. Doch just, als er
diesen erklimmen wollte, geschah etwas, was ihm sonst nie
passierte. Er rutschte aus. Ehe er sich versah, schlug er wie
ein nasser Mehlsack auf die Dachschräge auf und rutschte in
atemberaubenden Tempo um sich selbst drehend die Dachschräge
hinunter hob ab und landete mit einem dumpfen Aufschlag in der
Schneewehe.
„Und CUT“, rief Mike begeistert. “John, der Junge ist klasse“,
wandte er sich an seinen ersten Kameramann. „Tolle Einlage!
Verpflichte ihn gleich für die Szene mit dem Truck.“
„Geht klar“, brummte John. Indes war Ruphus am Ort des
Geschehens angelangt und half mit, den Weihnachtsmann aus der
Schneewehe zu ziehen. Ruphus musste zugeben, daß der
Weihnachtsmann schon einmal fröhlicher ausgesehen hatte. Zwei
Assistenten klopften ihn notdürftig den Schnee ab.
„Alles klar?“, erklang Johns Stimme im Hintergrund.
„Mein Herr?“, fragte der Weihnachtsmann mit irritiertem
Gesichtsausdruck. Dabei sah er Ruphus an, als würde er diesen
gerade zum ersten Mal in seinem Leben sehen. Dem wurde gerade
warm unter seiner Mütze. Irgend etwas stimmte nicht.
„Haben Sie Lust auf einen neuen Job?“, fragte John.

„Geht nicht, ich muss die Eier färben“, erwiderte der
Weihnachtsmann, worauf Ruphus ihn entgeistert ansah. Indes
drückte John dem verwirrten Weihnachtsmann einen Stapel Papiere
in die Hand. „Lesen Sie sich den Vertrag durch und bringen Sie
ihn unterzeichnet bis morgen vorbei. Die Marge haben wir
verdoppelt. Wir sehen uns.“
Hilflos starrte der Weihnachtsmann auf den Vertrag. „Ich brauche
Farbe und Pinsel“, klagte er.
„Guter Scherz, Chef. Aber jetzt mal im Ernst. Ihr wißt aber
noch, wer ihr seid?“, fragte Ruphus vorsichtig nach.
„Der Osterhase natürlich!“
„Na das nenn ich mal eine schöne Bescherung“, stöhnte Ruphus.

Was wird denn das für eine
Nummer?“, brummte Zwolgo empört.




„Der Chef ist auf der Suche nach dir und alles andere als
erfreut.“
„Bringt er mir einen Hund mit? Ich habe mir nämlich einen
gewünscht“, fragte Tess erfreut, die sofort begriffen hatte,
wen Zwolgo mit dem „Chef“ gemeint hatte.
„Keine Ahnung. Ist denn schon Weihnachten?“, brummte Zwolgo
verärgert, worauf Tess ihn verschmitzt anlächelte.
„Ich behalte sonst auch den hier“, flötete sie.
„Der da heißt Rudi und gehört an den Nordpol.“
„Stimmt nicht. Ich wurde entführt“, entrüstete sich Rudi.

„Aha!“, tönte Tess empört, wobei sie die Hände in die Hüften
stützte und den Zwerg angriffslustig anfunkelte. „Das sag ich
Papa.“
„Dein Vater hat schon genug Ärger“, versuchte er die
aufgebrachte Tess zu beruhigen. „Ich schau mal was ich machen
kann. Erst mal behalten wir unser Geheimnis für uns bis ich die
Sache mit dem Chef besprochen habe. Versprichst du mir, daß du
unser Geheimnis für dich behältst?“
Tess legte den Kopf schräg. Ihre Miene machte deutlich, daß sie
angestrengt über den Vorschlag des Zwergs nachdachte.
Schließlich nickte sie mit dem Kopf. „OK, Pfandfinderehrenwort.
Aber nur, wenn du das noch heute mit dem Weihnachtsmann
besprichst und dafür sorgst, daß ich einen Hund bekomme. Sonst
sag ich das Papa.“
„Geht klar“, brummte Zwolgo, der beklommen feststellte, daß er
in der Falle saß. Wo sollte er heute noch einen Hund auftreiben?
Während Zwolgo noch mit seinem Schicksal haderte, durchschnitten
auf der anderen Seite des Hauses zwei lichtstarke Scheinwerfer
die Dunkelheit, begleitet von dem tiefen Röhren eines PS-starken
Geländewagens.

„Das ist Miß Jones. Die kennt sich ein wenig mit Medizin aus“,
stellte Tess fest. „Ich muss zu Papa. Sieh du zu, daß du meinen
Wunsch erfüllst.“ Dann verschwand sie wie der Wirbel und ließ
einen geknickten Zwolgo zurück.
Warum passiert das immer mir?, fragte er sich verärgert, wobei
er neidisch an den Elfen Ruphus dachte, der sich bestimmt gerade
wie üblich königlich amüsierte. Mit einem Seufzen machte er sich
auf den Weg, die beiden zu suchen.
Ruphus hätte Zwolgo durchaus beruhigen können. Derzeit fand er
sein Leben alles andere als amüsant. Nachdem er den
Weihnachtsmann hoch gehievt hatte, stützte der sich nun mit dem
Gewicht eines Zentners Kartoffeln auf seine Schulter und
schlurfte dermaßen langsam dahin, daß Ruphus zum ersten Mal an
das hinter der Hand geflüsterte Alter des Weihnachtsmanns
glaubte. Sehnsüchtig spähte er nach dem Schlitten, der etliche
hundert Schritt entfernt stand, und mit jedem Schritt schien der
Weihnachtsmann sich schwerer auf seinen Gehilfen zu stützen.
Ruphus stöhnte. Das würden sie nie schaffen. Genauso gut hätte
der Schlitten am anderen Ende der Milchstraße parken können.

„Schnee zu Ostern“, brummte der Weihnachtsmann. „Das kommt von
der globalen Erwärmung. Das Wetter spielt verrückt.“
Inzwischen waren sie am Drugstore angekommen, dessen Vorderseite
eine überdachte Veranda schmückte. Zwei Stufen führten hinauf.
Dankbar lehnte Ruphus den Weihnachtsmann, der noch immer wie
eine Esche im Wind schwankte, an einen der Stützpfeiler.
„Ich werde jetzt den Schlitten holen, Chef. Bin gleich zurück.“
Der Weihnachtsmann brummte irgend etwas zur Erwiderung, indes
der Elf entschwand. Mißmutig sah der Weihnachtsmann sich um,
während er sich fragte, warum er unbedingt das Bedürfnis
verspürte, Eier anzumalen. Aber als Osterhase war das wohl
normal. Vermutlich würde sich die Angelegenheit aufklären, wenn
er seinen Bau zurück könnte. Aber wie sollte er das anstellen?
„Können wir ihnen helfen?“, ertönte eine freundliche, weibliche
Stimme. Der Weihnachtsmann sah dankbar auf und erspähte zwei
alte Damen auf der Veranda. Die dickere der beiden hatte sich zu
ihm herunter gebeugt und sah ihn mitfühlend an. Freudig nickte
der Weihnachtsmann und brachte sein Anliegen vor.
„Ich will zurück in meinen Bau. Können Sie mir sagen, wie ich
dahin komme?“, fragte er hoffnungsvoll, worauf sich die
Gesichter der beiden Damen schlagartig verdüsterten.

„Immer diese Ex-Knackies“, schimpfte die Dicke los, die den
Weihnachtsmann nun wie etwas Krabbelndes betrachtete, das man
nicht unter seinem Bett zu finden wünscht.
„Ja, ja, ich sag’s ja immer. Das mit der Resozialisierung klappt
einfach nicht“, stimmte die andere zu.
„Sie sollten sich schämen“, tadelte die Dicke den
Weihnachtsmann, der nicht wußte, wie ihm geschah.
„Aber..“, setzte er hilflos zur Rechtfertigung an, doch die
Frauen ließen ihn einfach stehen und stapften kopfschüttelnd
davon.
„Und das in dem Alter“, hörte der Weihnachtsmann die Dicke noch
keifen, bevor die beiden in dem Drugstore verschwanden.
Indes hatte Ruphus den Schlitten erreicht und entdeckte zu
seiner Überraschung Zwolgo, der wie von wilden Furien gehetzt,
mit hochrotem Kopf auf ihn zugehastet kam.
„Die Toiletten sind da drüben“, bemerkte Ruphus trocken, doch
Zwolgo überhörte den Spott.
„Ich habe Rudi gefunden“, sprudelte aus Zwolgo heraus, der
Ruphus die Situation kurz schilderte.
„Schön, dann kannst du als nächstes anfangen, Ostereier
anzupinseln“, brummte Ruphus.
„Ich verstehe nicht?“
„Der Chef hat den Job gewechselt. Er hält sich jetzt für den
Osterhasen.“
„Ach du Schande“, stöhnte Zwolgo. „Auch das noch. Ich werde
arbeitslos! Wir müssen ihn zu Gray bringen. Da ist eine Miß
Jones, die sich mit Medizin auskennt. Vielleicht kann sie
helfen.“
„Jede Wette, daß dort die nächste Katastrophe wartet“, knurrte
Ruphus.
Ein gutes Stück den Berghang hinaus, war Miß Jones damit
beschäftigt, Gray zu umsorgen, während Tess das Ganze
kopfschüttelnd betrachtete. Erwachsene würde sie wohl nie
verstehen.
„Und was wünscht du dir vom Weihnachtsmann?“, fragte Miß Jones
mit einem verschmitzten Lächeln.


„Einen Hund“, brummte ihr Vater ehe Tess den Mund aufmachen
konnte.
„Einen Hund“, wiederholte Miß Jones, wobei sie ihre Nase kraus
zog, als würde sie angestrengt nachdenken. „Ich weiß nicht, ob
der Weihnachtsmann Tiere in seinen Geschenkesack steckt“, gab
sie zu Bedenken, wobei sie Gray verschwörerisch zuzwinkerte.
„Keine Sorge, er wird liefern“, erwiderte Tess mit einer
Bestimmtheit, die Gray besorgt zusammenzucken ließ. Irgendwie
hatte er das Gefühl, daß ihm die Sache aus dem Ruder lief. Dabei
hätte er nichts gegen einen Hund einzuwenden gehabt, wären da
nicht die Futterkosten, die er sich im Moment nicht leisten
konnte.
„Ich fürchte, daraus wird nichts werden“, versuchte er seine
Tochter auf die Enttäuschung vorzubereiten.
„Abwarten“, flötete Tess.
Rudi hatte indes erfreut festgestellt, daß Zwolgo in seiner
Verzweiflung vergessen hatte, den Stall abzuschließen. Wenn das
kein Zeichen war! Entschlossen stieß er die Tür auf und zwängte
sich aus dem muffigen Schuppen in die kalte, klare Luft.
Irgendwie tat es ihm leid, das Weite zu suchen und die kleine
Tess zurückzulassen. In einem anderen Leben hätte er sich gut
vorstellen können, hier zu leben und mit ihr herumzutollen.

Als Rentier auf der Flucht bot sich diese Option jedoch nicht.
Traurig schüttelte er daher seinen zottigen Kopf und machte sich
für den Start bereit. Prüfend setzte er sein geprelltes Bein auf
und stellte erfreut fest, daß es ihm wieder besser ging. Wenn er
genügend Anlauf nahm und im Höchsttempo um die Ecke des Hauses
sprintete, sollte das Abheben gelingen. Tatendurstig kratzte
Rudi mit dem rechten Vorderhuf im Schnee. Dann stürmte er los.
Schneesoden flogen durch die Gegend als das Rentier in
bewundernswertem Tempo um die Ecke des Hauses flitzte, wo ihn
ein wohl bekanntes, weißbärtiges Hindernis erwartete.
„Sorry“, rief Rudi, der nicht mehr bremsen konnte und kräftig
mit dem Weihnachtsmann zusammenprallte, worauf der
Weihnachtsmann rückwärts geschleudert wurde und mit dem Kopf an
das aufgestapelte Kaminholz prallte, das die Giebelwand säumte.
„Ich hab’s gewußt“ brummte Ruphus, beim Anblick des zu Boden
gegangenen Weihnachtsmannes. „Wir hätten hier nicht herkommen
sollen.“
„Alles klar, Chef?“, fragte Zwolgo vorsichtig, während Rudi
benommen den Kopf schüttelte.

„Mir geht’s gut, aber Rudi wird gleich mächtig Ärger bekommen“,
brummte der Weihnachtsmann erbost, wobei er das Rentier wütend
anfunkelte.
„Ihr erkennt ihn?“, staunte Ruphus.
„Den erkenne ich sogar in der finstersten Polarnacht“, brummte
der Weihnachtsmann.
„Und Ihr wollt keine Ostereier mehr anmalen“, fragte Zwolgo
vorsichtig nach.
„Warst Du etwa am Glühweinstand?“, fragte der Weihnachtsmann
vorwurfsvoll.
„Ich muss Euch was erklären“, schaltete sich Ruphus ein und
erzählte dem Weihnachtsmann, was geschehen war.
„Dann muss ich Rudi auch noch dankbar sein“, brummte der
Weihnachtsmann, nachdem Ruphus zum Ende gekommen war.
„Wenn ich einen Wunsch äußern dürfte“, hob Rudi vorsichtig an.
„Du willst ein Hund werden?“, staunte Ruphus, nachdem Rudi
seinen Wunsch vorgetragen hatte.
„Hunde bekommen Flöhe“, gab Zwolgo zu bedenken.
„Und fliegen können sie auch nicht“, ergänzte Ruphus.
„Aber als Hund kann ich das Herz von Tess gewinnen und
hierbleiben. Nichts für ungut, Chef, aber das Leben am Nordpol
und das Schlittenziehen paßt nicht zu mir. Außerdem hab` ich
immer noch Flugangst.“
„Hmmmm“, brummte der Weihnachtsmann, während er über seinen
leicht in Mitleidenschaft gezogenen Bart strich. „Du meinst das
wirklich ernst?“
Rudi nickte begeistert.
„Na gut. Dann mal frisch ans Werk.“
„Tess, machst du bitte mal auf“, bat Gray, nachdem es energisch
an der Tür geklopft hatte. Wieselflink eilte Tess zur Tür und
strahlte über das ganze Gesicht, als sie sah, wer vor der Tür
stand.
„Kommt herein“, forderte sie die drei auf, wobei sie nach einem
Hund Ausschau hielt. Doch zu ihrer Enttäuschung waren die Drei
allein, und der Weihnachtsmann hatte auch keinen Gabensack
dabei.

„Wir müssen leider gleich wieder los.“
„Aber auf einen Drink zum Dank für Ihre Hilfe kann ich Sie doch
noch einladen“, bot Gray an, der sich aus seinem Sessel erhob
und sich zur Tür begab.
„Danke, aber ich muss noch fliegen“, brummte Ruphus enttäuscht.
„Eigentlich sind wir wegen Tess hier“, erklärte der
Weihnachtsmann, worauf deren Augen zu leuchten begannen. Ihr
Blick streifte Zwolgo, der ihr verschwörerisch zuzwinkerte. „Es
ist zwar noch nicht Weihnachten, aber dieses Geschenk kann nicht
warten“, brummte der Weihnachtsmann gutmütig. „Du kannst jetzt
herauskommen, Rudi!“
Zögernd schob sich daraufhin ein kleines, zottiges Fellbündel
zwischen den Beinen des Weihnachtsmannes hindurch und sah Tess
mit großen, rehbraunen Augen freudig an.
„Ich hab` mir ein neues Outfit zugelegt. Ich hoffe, es gefällt
dir“, bellte Rudi, den nur Tess verstehen konnte.
„Du siehst toll aus“, versicherte sie und umarmte das kleine
Fellnknäuel.“
„Ähmm“, brachte sich Gray in Erinnerung. „Woher wußten Sie, daß
Tess sich einen Hund wünscht?“
Der Weihnachtsmann zwinkerte ihm belustigt zu.
„Ist das eine ernste Frage, Gray?“
„Wie auch immer“, brummte Gray, der allmählich nicht mehr wußte,
was er von seinem Gegenüber halten sollte. Die Maske erschien
ihm ein wenig zu perfekt. „Wir können uns zur Zeit keinen Hund
leisten. Ich bin ein wenig knapp bei Kasse.“

„Kann ich nicht finden“, erwiderte Ruphus, der aufmerksam einen
Stapel Papier durchsah, der wie durch Zauber in seinen Händen
erschienen war. Mit einem Nicken reichte er den Stapel an Gray
weiter.
„Du solltest dir mal auf Seite 3 die Zahl hinter dem Wort
„Honorar“ ansehen. Für meinen Geschmack klingt das nicht nach
knapp bei Kasse.“
Verwirrt blätterte Gray das Dokument durch und stutzte, als
könne er nicht glauben, was er da sah.
„Aber das ist ein Stuntmanvertrag mit einem horrenden Honorar“,
staunte er.
„Dein Stunt war sehr überzeugend. So gekonnt tolpatschig sei
noch keiner vom Dach gefallen war die einhellige Meinung, und da
habe ich gleich was klar gemacht“, berichtete Ruphus stolz, der
vorsichtshalber einen halben Schritt zur Seite trat, um sich
keinen Elbogenstoß vom Weihnachtsmann einzufangen.
„Dann kann Rudi ja vielleicht doch bleiben“, sagte Miß Jones mit
seidenweicher Stimme. Wie selbstverständlich legte sie ihren Arm
um Rays Taille und lehnte sich an ihn. „Ich jedenfalls finde ihn
süß.“
„Willkommen in der Familie“, gab sich Gray endgültig geschlagen,
worauf Rudi erfreut bellte.
„Wir müssen los. Die Arbeit ruft“, sagte der Weihnachtsmann.
„Ich wünsche euch allen eine besinnliche Weihnacht.“
„Wünschen wir auch.“
„Grüßt die Kollegen von mir“, bellte Rudi zum Abschied. Während
die Drei den Hügel hinab stapften und allmählich in dem
einsetzenden Schneetreiben verschwanden, seufzte Gray auf.
„Für einen Moment hab ich wirklich geglaubt, er wäre echt.“
„Schon erstaunlich, was die Maskenbildner heutzutage schaffen“,
stimmte Miß Jones zu, während Tess nur ungläubig den Kopf
schüttelte. Die Erwachsenen würden sie nie verstehen.

Einem Blitz gleich, schoß der Schlitten unter Ruphus kundigen
Händen über die tiefverschneite Landschaft. Die Sterne am Himmel
funkelten wie die Kerzen am Weihnachtsbaum, und gelegentlich sah
man eine Sternschuppe über den Himmel ziehen.
„Jetzt freue ich mich auf eine friedliche Weihnachtsnacht“,
brummte der Weihnachtsmann, der sogar wohlwollend über das
aberwitzige Tempo hinweg sah, mit dem Ruphus den Schlitten über
die verschneiten Wipfel der weiten Wälder von Alberta jagte.
„Ich glaube, daraus wird nichts…“, ließ sich Zwolgo zaghaft
vernehmen. Mit beiden Händen die Schlittenreling umklammernd und
blaß wie der Schnee sah er alles andere als vergnügt aus.
Der Weihnachtsmann drehte sich herum und hob mißbilligend die
Augenbraue.
„Ich höre.“
„Nun, ihr kennt doch das Fließband mit dem automatischen
Verpackungsapparat und dem Hilfsversand, für die großen Dinge,
die ihr nicht persönlich abliefern könnt..“
„Hmmm.“
„Ich wollte ihn ein wenig effektiver machen und habe ihn nur ein
ganz klein wenig neu programmiert.“
„Hmmm.“
„Und nun haben wir ein winzig kleines Problemchen.“
„Hmmm.“
„Irgendwie wurden sämtliche Adressen vertauscht. Jetzt müssen
wir selber los und das in Ordnung bringen.“
„Wieso wundert mich das nicht?“, stöhnte der Weihnachtsmann.
„Weil Ihr Herausforderungen gewöhnt seid. Schließlich seid Ihr
der Weihnachtsmann“, beantwortete Ruphus die Frage. „Aber macht
Euch keine Sorgen. Wir sind ja an Eurer Seite und haben schon
ganz andere Probleme bewältigt.“
„Genau das habe ich befürchtet“, brummte der Weihnachtsmann bei
dem Gedanken an das nächste Abenteuer.
Doch das ist eine andere Geschichte……..